Verbunden (10)

Und dann wurde in Frankreich der Ausnahmezustand erklärt. Die Grenzen wurden geschlossen, Reisen verboten. Nur noch in besonderen Fällen durftet Ihr das Haus verlassen. Euer Präsident sprach sogar von Krieg. So etwas hatten weder Du noch ich jemals erlebt.

Wir wollten einander sehen, doch wir konnten nicht. Knapp vier Stunden voneinander weg. Vier Stunden, das war doch keine Distanz. Vier Stunden – aber Du warst eingesperrt in Deinem eigenen Land.

Trotzdem war ich so glücklich, Fabrice. So glücklich. Ich erzählte zunächst niemandem davon, dass wir wieder Kontakt hatten, ja sogar zusammen waren. Physisch getrennt, aber doch zusammen. Wie in einer kitschigen Liebesgeschichte.

Ich sah Dich nur auf Bildern, und ab und zu hörte ich Deine Stimme, doch dies tat meiner Überschwänglichkeit keinen Abbruch. Immer wieder ertappte ich mich dabei, wie ich vor mich hin grinste. Ich konnte es einfach nicht fassen.

Wir sprachen viel über die Zeit, in der wir voneinander getrennt waren. Du beteuertest abermals mich nicht blockiert zu haben. Ich kündigte an, Dir die Frage beim nächsten Wiedersehen nochmals zu stellen. Und Du lachtest Dein süsses Lachen.

Obwohl wir ab und zu von der Vergangenheit sprachen, lebten wir auch im Moment. Während eines unserer wenigen Telefongespräche trugst Du Deine Einkäufe nach Hause. Du hattest keine Pasta gefunden. Auch Mandeln hatte es im Supermarkt keine gegeben. Und während ich Dich mit Fragen überhäufte, meintest Du plötzlich:

Pourquoi c’est si beau d’entendre ta voix?

Du hattest mich nicht vergessen, Fabrice. Die ganze Zeit, in der wir keinen Kontakt gehabt hatten, hattest Du immer wieder an mich gedacht. Es war Dir gleich ergangen wie mir. Wir schienen unsichtbar miteinander verbunden zu sein. Zwillingsflammen eben. Ich erzählte Dir von diesem Konzept, doch Du wolltest nicht so recht daran glauben.

Je suis ton âme? fragtest Du mehr belustigt als überzeugt. Trotzdem gabst Du zu, dass an unserer Verbindung etwas dran war. Auch Dir war dieser Moment auf dem Bett, als wir uns lange in die Augen gesehen hatten, in Erinnerung geblieben.

C’était intense et profond quand on se regardait.

Sogar vom Zusammenziehen, von Heirat und von Kindern sprachst Du, Fabrice. Dies geschah vorsichtig und meist versuchtest Du diese Ideen als die meinen auszugeben. Wie ein scheues Reh tastetest Du Dich vor, um Dich kurz danach wieder zurückzuziehen.

Dieses Verhalten bestätigte mir nur, was ich schon seit längerer Zeit gewusst hatte. Unsere Begegnung hatte auch in Dir die intensivsten Gefühle ausgelöst, die Du je erlebt hattest. Und obwohl wir uns nicht sehen konnten, wurden diese von Tag zu Tag stärker.

 

 

Übergang (9)

Julio war ein Franzose, den ich fast zeitgleich mit Dir kennengelernt hatte. Er war belesen, klug, interessant – und ziemlich gutaussehend. Leider hatte er es nicht so mit dem Flirten. Statt mir ein Bild seines Gesichts mit einem netten Spruch zu schicken, hatte er mir mehrere Bilder seiner Hand geschickt. Daraufhin hatte ich ihn mehrere Monate lang ignoriert.

Nun sah ich zufällig, dass er Geburtstag hatte und schickte ihm eine Nachricht. Die Antwort folgte prompt. Und diesmal schickte er mir Küsschen.
Nanu, hatte er sich der ungeschickte Julio etwa Flirtkünste angeeignet?

Wir schrieben und tauschten uns aus. Endlich wieder ein Mann, mit dem ich über Bücher sprechen konnte. Er schickte mir eine Sprachnachricht. Zum ersten Mal hörte ich seine Stimme und sie gefiel mir. Das Kopfkino liess nicht lange auf sich warten.

Meine Tränen waren getrocknet. Ich dachte immer noch an Dich, Fabrice, aber was hätte ich denn tun sollen? Du warst in einer neuen Beziehung und ich wollte nicht mehr an Dich denken.

Ich war Feuer und Flamme, als Julio mich für einen Samstag in seine Stadt einlud.

Er war wirklich süss. Etwas unbeholfen, wie ich vermutet hatte, aber ich merkte, dass ich ihm gefiel. Er lud mich zum Essen ein. Manieren hatte er sich anscheinend auch angeeignet. Danach gingen wir in eine Bar. Ich war beschwipst und Julio war ziemlich charmant. Er lächelte mich an, berührte wie zufällig mein Knie. Und dann küssten wir uns.

Ich verbrachte die Nacht bei Julio. Ich war überzeugt davon, dass er nichts Ernstes wollte und suchte am nächsten Morgen meine Sachen zusammen, um mich aus seinem Schlafzimmer zu schleichen. Doch ich hatte ihn falsch eingeschätzt. „Bleibst Du nicht zum Frühstück?“ rief er mir hinterher. Schuldbewusst drehte ich mich um. „Doch, natürlich, gerne.“

Ab diesem Moment verging kein Tag, an dem mich Julio nicht kontaktierte. Anfangs fand ich es süss, wie er mir den Hof machte und liess mich von ihm auf Händen tragen. Doch ich merkte bald, dass es sich bei Julio, so nett er war, um den falschen Franzosen handelte. Du warst immer noch der, den ich wollte, Fabrice. Und so sehr ich mich bemühte, nicht darüber nachzudenken, diese Tatsache konnte ich nicht ignorieren. Und das war Julio gegenüber nicht fair.

Ich bat ihn um ein Treffen, um ihm reinen Wein einzuschenken. Es fiel mir schwer, ihn zu verletzen, aber da musste ich durch. Julio konnte seine Enttäuschung nicht verbergen. Noch immer erstaunte es mich, dass er Gefühle für mich entwickelt hatte.

Es war nur fair, den Kontakt mit Julio abzubrechen.

Ich war freudig überrascht, als ich ein paar Wochen später eine Nachricht von Mariano erhielt; einem Italiener, mit dem ich vor ein paar Jahren in Ibiza kurz angebandelt hatte. Mariano war ein süsser und unterhaltsamer Typ, der das Leben liebte und für den ich immer noch eine Schwäche hatte. Er wohnte in Italien, aber wenn wir uns unterhielten, kam es mir vor als stünde er direkt neben mir. Unsere Konversationen brachten mich zum Lachen. Mariano’s Einladungen nach Italien zu kommen hatte ich stets ausgeschlagen – ich wollte mir nicht von einer Ferienliebe das Herz brechen lassen.

Nun musste Mariano berufsbedingt mehrere Wochen in einem Kaff in Italien verbringen. „Hier gibt es nur Felder, Blumen und Hühner“, schrieb er mir. Ihm fiel langsam aber sicher die Decke auf den Kopf. Um ihn abzulenken, schickte ich ihm das Bild einer sehr ungewöhnlich geformten Süsskartoffel, die ich mir für mein Abendessen gekauft hatte. Sie erinnerte mich stark an die primären Geschlechtsmerkmale eines Mannes. Oder an die sekundären einer Frau. Mariano reagierte sogleich. „Das ist eine heisse Kartoffel. Wenn man den ganzen Tag keine Menschen sieht, findet man sogar Kartoffeln sexy.“ Ich lachte. „Du scheinst etwas auf Entzug zu sein.“ „Glaub mir, Du möchtest nicht in meinem Körper stecken. Meine Hormone spielen verrückt.“

Die nächsten Tage verbrachte ich durch mein Mobile mit Mariano. Wir sprachen über Gott und die Welt, tauschten Essensbilder aus und vergnügten uns virtuell miteinander. Ich hatte unendlich viel Spass. Es tat so gut. So gut, dass ich Dich tatsächlich für kurze Zeit vergass, Fabrice.

Mariano war gerade dabei mir ein paar unanständige Wörter auf Italienisch beizubringen, als ich Deine Nachricht erhielt. Ich war überrascht, denn wir hatten uns seit ein paar Wochen nicht mehr gehört. Zögerlich schrieb ich Dir zurück. Und plötzlich fingst Du wieder an mir Herzen und Küsschen zu schicken. Mir platzte der Kragen.

Pourquoi tu envoies des bisous et des coeurs?? Tu fais ça avec tout le monde? Tu as une copine, non?

Die Antwort, die folgte, verwirrte mich.

C’est toi, ma copine.

Und dann riefst Du mich an. Ich stellte meine Frage erneut.

On n’est plus ensemble.

Für einen Moment verschlug es mir die Sprache. Dann nahmen meine Gefühle überhand. Unglaubliche Erleichterung überkam mich. Wir unterhielten uns und Du warst wieder so lieb wie am Anfang. Es war so schön. Und es wurde noch schöner.

Dein Lachen. Mein Herz springt vor Glück.

J’ai pensé à toi. Beaucoup. Et j’aimerais te revoir.

Du willst mich bald wiedersehen. In der Stadt am See, in Paris oder bei mir.

Comme tu veux.

Wir beenden das Telefonat. Du schreibst mir noch ein paar liebevolle Nachrichten und wünschst mir dann eine gute Nacht.

Und diesmal passen Deine Herzen. Wir sind wieder zusammen.

Comme un miroir cassé
il me montre
tous

un petit peu macho
ça fait plus bestial
des problèmes
de communication
que la porte entre nous
mais lui il est si loin comme
les montagnes
de ma ville

je tourne et je tourne et
je tourne
3 heures du mat
comme d’habitude
je me fâche je suis triste
je me demande pourquoi
pourquoi c’est nécessaire

où est la solution il faut la trouver
pour que je puisse
dormir
enfin dormir
laisse-moi dormir je te demande
s’il te plaît je suis fatiguée
j’en peux plus

elle est trop difficile la route
je m’arrête?
je prends une route différente?
ce serait plus facile
de préférer l’attraction
à la magie
mais la magie tu vois
la magie elle
me rend folle
elle me laisse pas
elle est mon destin je pense

j’ai peur et
j’ai envie de frapper quelqu’un
l’aggréssion elle est là mais
elle doit partir non?
pour que je me sens mieux, non?

aide-moi
pourquoi tu es pas là pour moi?
tu es où?
ton monde est tout différent putain

est-ce que c’est la vie
ou c’est moi
c’est que dans ma tête?
je t’ai créé dans ma tête
je peux te changer comme je veux?

les conversations avec toi
dans ma tête
et tout à coup tu es lui

mais non c’est pas moi
cette personne
moi je viens du paradis
où je me sens libre et je danse
sous les étoiles
l’air est doux et
je passe mon temps
dans la mer

c’est ici ma maison
ou je suis moi-même
je veux plus me perdre
et un jour
je rentrerai

L’homme de mes rêves

Il vient me chercher
avec sa voiture
pour que je puisse
porter des talons hauts
à la table
plus tard
je suis sa princesse
et quand on ne sera
plus seuls
sa reine
il veut me tenir
chaque jour
et je lui manque
tellement
tellement

il me fait l’amour
chaque jour
pour toujours
il me regarde
quand je dors
et il me contacte
dans ses rêves
pour qu’on soit
connectés
dans ce monde
et aussi dans l’autre
il ne corrige pas
le, la
n’importe quoi
il est là
il est là
il est là.

In my ideal world

In my ideal world
I get good morning texts
every day
in my ideal world
you love to communicate
as much as I do
in my ideal world
you pick me up
we drive to the lake
we eat ice cream
and we kiss
in my ideal world
I can get upset at you
without you being scared
in my ideal world
you know that I am
a part of you
and you are not afraid
if I ask you to meditate
in my ideal world
you are right now
lying next to me
caressing me endlessly
loving me
until I’m out of breath
for you never are
in my ideal world
I don’t have to think of
creative ways to say
how much you annoy me
sometimes

I am pretty
every day
and you are my muse.

Revelation (8)

Nachdem ich Dich zweimal per Email kontaktiert und monatelang nichts von Dir gehört hatte, schrieb ich Dir eines Abends eine gewöhnliche SMS. Ich wollte endlich Klarheit.

Am nächsten Tag wachte ich gut gelaunt auf. Inmitten meiner Morgenroutine warf ich einen Blick auf mein Mobile. Und da sah ich ihn, Deinen Namen. Einige Minuten lang stand ich wie vom Donner gerührt da. Endlich war der Moment gekommen, endlich würde ich wissen, was vorgefallen war.

Je ne t’ai pas bloqué. J’avais changé de portable.

Wie bitte? Das konnte doch wohl nicht Dein Ernst sein. Wir hatten also nichts mehr voneinander gehört, weil Du nun ein anderes Mobile hattest und die Kontakte vom alten nicht übernommen worden waren? Hattest Du Dich denn nicht gefragt, warum unsere Konversation so urplötzlich abgebrochen war?

Je ne pensais pas que pour toi c’était autant sérieux tout les deux que tu voulais à tout prix me revoir.

Ich konnte nicht glauben, was ich da las. Du dachtest also, dass die Sache für mich damals nicht ernst war? Ich überlegte, wie Du darauf gekommen sein könntest. Ich war mir keiner Schuld bewusst, ich dachte, ich hätte Dir gesagt und geschrieben, dass ich Dich wiedersehen wollte. In Deinem Kopf musste sich jedoch ein anderes Szenario abgespielt haben.

„Aber woher kommt diese Unsicherheit, ich hatte ihm doch klargemacht, dass er mir auch gefiel?“ Ich nahm einen Schluck von meinem Hugo und sah Victory an. Sie zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, aber jeder ist doch mal unsicher.“

Wir sassen freitagabends in einer netten neuen Bar unweit des Hauptbahnhofs. Ich erzählte Victory detailliert von unserem Gespräch. „Er fragte mich mehrmals, ob ich denn jetzt etwas Ernsthaftes suche. Ich bejahte natürlich. Ich fand diese Fragen komisch, denn ich hatte ihm ja damals schon gesagt, dass ich mehr von ihm wollte. Und dann, nachdem wir meine Wünsche besprochen hatten, sagte er mir, er habe jetzt eine Freundin.“

Der Gedanke daran gab mir immer noch einen Stich ins Herz. Endlich hatten wir uns wiedergefunden und nun warst Du nicht mehr frei. Trotzdem fragtest Du mich, ob ich Dich denn wiedersehen wolle. Natürlich wollte ich, aber nicht unter diesen Umständen. Ich wollte keine Affäre mit Dir beginnen. Ich wollte Dich nicht teilen. Ich wollte Dich ganz für mich allein.

Ich nahm mir vor, Dich nicht mehr zu kontaktieren, konnte mich aber nicht an mein mir selbst auferlegtes Verbot halten. In unseren Konversationen wurde klar, dass sich an unserer intensiven Verbindung nichts geändert hatte. Du mochtest mich immer noch. Als ich Dich jedoch um ein Treffen bat, blocktest Du ab.

J’ai une copine…

Einerseits war ich froh darüber, denn dieses Verhalten zeigte mir, dass Du treu warst. Anderseits sehnte ich mich so sehr nach Dir, dass es weh tat. Ich wusste nicht, wo mir der Kopf stand.
„Vielleicht sagt er mir ja bald, dass er wieder single ist“, dachte ich kurz, vergass diesen Gedanken aber bald wieder.

Schliesslich archivierte ich unseren Chat, stürzte mich in neue Projekte und überliess unser Schicksal dem Universum.

 

Der Turm (7)

Da sind wir nun auf dem Eiffelturm, Du und ich. Es ist ein wunderschöner sonniger Herbsttag. Ich trage meinen graues Hoodiekleid, die passenden Stiefel und meine rote Lederjacke. Meine Haare flattern im Wind. Du trägst einen dunkelgrünen Pulli mit V-Ausschnitt, der Deine Augen schön zur Geltung bringt, darüber eine schwarze Lederjacke. Du siehst so toll aus! Wir stehen nebeneinander am Geländer im zweiten Stock und lächeln uns an. Ich fühle mich so gut. Du und ich und Paris, das ist alles, was ich brauche. Wir küssen uns lange. Diese unbeschreibliche Energie zwischen uns!
Ich könnte die ganze Welt umarmen. Du gibst mir nochmal einen Kuss und gehst danach zu einem Pärchen, das unweit von uns gerade dabei ist ein paar Fotos zu schiessen. Sie geben Dir ihre Kamera und Du machst mehrere Bilder von ihnen. Du unterhältst Dich, siehst kurz zu mir und kommst wieder zurück. Du legst den Arm um mich und küsst mich auf die Wange. So, genau so muss sich der Himmel anfühlen.

Dann gehst Du ein paar Schritte weg und drehst Dich wieder zu mir um. Du siehst mich an und lächelst dieses Lächeln, bei dem mir so warm ums Herz wird. Deine Augen leuchten. Und dann, plötzlich, ziehst Du eine kleine Schachtel aus Deiner Jackentasche und gehst in die Knie. Ich merke, wie die Leute um uns herum anfangen zu tuscheln. Jemand zückt sein Handy. Ich erkenne das Pärchen von vorhin.

Ungläubig sehe ich Dich an.

Voudrais…

Deine Stimme zittert.

Voudrais-tu m’épouser?

Ich stehe fassungslos da. Es passiert, es passiert wirklich. Ich spüre wie die Tränen in mir aufsteigen, als ich es schaffe ein leises „oui“ über meine Lippen zu bringen. Du strahlst, umarmst und küsst mich, während die Leute um uns herum laut zu applaudieren und zu pfeifen beginnen…

 

Überglücklich öffne ich die Augen. Die Visualisierung hat sich dieses Mal wirklich echt angefühlt. Immer noch spüre ich das Kribbeln im Bauch, die Tränen auf meinen Wangen und Deinen Kuss auf meinen Lippen.

Gut gelaunt gehe ich in die Küche und setze Wasser für Pasta auf während „Marry you“ von Bruno Mars aus den Boxen tönt. Laut singe ich mit.

Ich weiss, dass das ein kurzer Blick in unsere Zukunft war. Ich freue mich auf Dich.

Die dunkle Nacht der Seele (6)

Es war 11 Uhr abends, Ibiza bereitete sich für die Nacht vor. Ganz Ibiza? Nein, ein Feriengast schlug sich gerade mit einem viralen Infekt herum. Einem Infekt, den sie wahrscheinlich von diesem ekligen Typen, der ihr vor dem Hï unbedingt die Hand küssen wollte, aufgeschnappt hatte.

Ich wälzte mich hin und her. Mein Kopf pochte, mir war gleichzeitig heiss und kalt und jetzt musste ich auch noch husten. Ich starrte an die Decke und fluchte vor mich hin. Nicht genug damit, dass ich mir in meinen Sommerferien die Grippe eingefangen hatte; jetzt rasten auch noch 1000 Gedanken durch meinen Kopf.

Warum passiert das ausgerechnet mir? Wieso ich, wieso jetzt? Ich verdiene das nicht! Ich wollte doch meine Ferien geniessen, jeden Abend ein anderer Club, tanzen, Leute kennenlernen, gut essen. Und jetzt verpasse ich ausgerechnet Idris Elba; den DJ, für den ich überhaupt hergekommen bin. Argh!

Komm schon, steh auf. Das wird schon irgendwie gehen. Denk an Idris!

Aber ich konnte nicht. Ich fühlte mich elend. Ich wusste, dass ich die Nacht im Hotelzimmer würde verbringen müssen.

Doch das Ganze sollte noch schlimmer werden. Mein Körper wehrte sich gegen die Krankheit, bäumte sich auf. Ich hustete und hustete, schnappte nach Luft. Und dann konnte ich einfach nicht mehr. Ich dachte an all die schrecklichen Dinge, die in der letzten Zeit geschehen waren. Daran, dass Du keinen Kontakt mehr mit mir wolltest, mich von einem Tag auf den anderen grundlos aus Deinem Leben gestrichen hattest. Ich dachte an alle Leute, die mir in den letzten Wochen unrecht getan hatten. Ich war allein, im Hotelzimmer auf meiner Lieblingsinsel, krank, während die anderen feierten. Es tat alles so weh.

Leise weinte ich vor mich hin.

Und plötzlich kamen sie, die dunklen Gedanken.

„Was soll das denn alles bringen? Ich versuche es wieder und wieder und nichts ändert sich in meinem Leben. Es wird sich nie etwas ändern. Wieso stehe ich überhaupt noch auf? Wieso mache ich weiter? Es wird immer so weitergehen. Ich werde nie erfolgreich sein. Ich werde nie glücklich sein. Ich könnte hier sterben und niemand würde es merken. Würde es überhaupt jemanden interessieren…?“

Où es-tu, Fabrice?

Ich stelle mir vor, wie Du neben mir liegst und mir über die Haare streichst. Du redest mir gut zu.

Tout va bien, chérie? T’inquiète, je suis là.

Du küsst meine Stirn. Du bist hier bei mir, ich bin sicher. Und endlich, endlich kann ich schlafen.

Die restlichen Tage versuchte ich so gut es ging zu geniessen. Es fiel mir schwer, denn ich hatte aufgrund der Grippe neben meinem Appetit vorübergehend auch meinen Geschmackssinn verloren. Nicht einmal das Essen in meinem Lieblingsrestaurant schmeckte mir. Ich war frustriert. Am letzten Tag sass ich apathisch auf einer Bank und starrte vor mich hin. Ich wollte nur noch weg.

Im Zug nach Hause liefen mir beim Musikhören plötzlich die Tränen über die Wangen. Warum, konnte ich mir nicht erklären. Ich war eigentlich meistens gut gelaunt  – diese depressive Phase war ungewöhnlich für mich.

In den nächsten Wochen wurde ich immer wieder von düsteren Gedanken heimgesucht. Je mehr ich mich gegen sie wehrte, desto öfter erschienen sie. Schliesslich gab ich auf und liess die negativen Gefühle zu. Und langsam sah ich das Licht am Ende des Tunnels. Ich wurde wieder zu mir selbst.

Umbruch (5)

„Er ist Deine was?“ Verständnislos sah mich Alinka an.

„Er ist meine Zwillingsflamme.“ Ich lachte.

„Und was ist das?“

„Jemand, mit dem Du Deine Seele teilst. Quasi eine Seele in zwei Körpern. Ein Treffen von Zwillingsflammen ist ein Katalysator, der beiden hilft sich weiterzuentwickeln. Auf der spirituellen Ebene sind Zwillingsflammen da, um die Menschheit voranzubringen, um sie beim Übertritt in eine neue Ära zu unterstützen.“

„Hmm…“

Alinka runzelte die Stirn. Sie war sich mittlerweile einiges von mir gewohnt, aber das war ihr dann doch etwas zu esoterisch.

Wir sassen bei unserem Lieblingsitaliener und waren gerade mit der Vorspeise fertig geworden. Nun warteten wir auf unsere Pizza.

Ein paar Wochen nachdem wir einander das letzte Mal geschrieben hatten, war ich plötzlich auf die „Twin Flames“ gestossen. Ich hatte mich schon mit einigen spirituellen Themen auseinandergesetzt, doch dieser Begriff war auch mir neu. Deshalb war ich die ganze Zeit das Gefühl, dass wir uns kannten, nicht losgeworden.

Wir kannten uns tatsächlich, Fabrice. Unsere Seelen waren verbunden. Wir waren eins. Kein Wunder, dass mich Dein Kontaktabbruch so mitgenommen hatte. Kein Wunder, dass ich mich so sehr nach Dir sehnte. Einem anderen Typen hätte ich ein paar Wochen nachgetrauert, ihn dann aber wieder vergessen. Bei Dir schien dies unmöglich. So sehr ich versuchte nicht an Dich zu denken, es gelang mir einfach nicht.

In der Zwischenzeit hatte ich viele andere Männer kennengelernt, doch keiner faszinierte mich so sehr wie Du. Mit keinem gab es diese Tiefe, dieses Verständnis, diese Verbindung, die ich nicht in Worte fassen konnte. Und warum sollte ich mich mit weniger zufriedengeben?

Spätabends lag ich auf meinem Sofa und starrte an die Decke, dann an die leeren Wände und schliesslich auf meine Möbel. Irgendwie gefiel mir das alles nicht. Ich war auch zuvor nicht wirklich zufrieden gewesen mit meiner Einrichtung, doch plötzlich störte sie mich wie noch nie.

Diese Wohnung repräsentierte mich nicht. Die Möbel waren lieblos zusammengewürfelt. Bilder hingen nur wenige an der Wand, Fotos gar keine. Es gab ein paar Möbelstücke, die mir gefielen, doch diese standen verloren herum. Sie waren nicht Teil eines Konzepts, sie fussten nicht auf einer Idee.

In meinem Kopf fing es an zu arbeiten. Ich musste diese Wohnung ändern und zwar schnell; ich wollte mein Zuhause schön gestalten, für mich. Ich wollte etwas nur für mich tun. Viel zu lange hatte ich meine eigenen Bedürfnisse vernachlässigt. Und als erstes mussten die Übrigbleibsel meines Exfreundes weg.

 

Purgatorium (4)

Die kommenden Wochen war ich wie auf Wolken. Wir hörten täglich voneinander. Der Termin für unser nächstes Treffen stand fest und meine Vorfreude stieg von Tag zu Tag.

Du schriebst mir. Neben Deinem Fussballtraining, Deinen zahlreichen Apéros, den Treffen mit Deiner Familie und Deinen Freunden schriebst Du mir. Die Distanz machte Dir zu schaffen. Du wolltest eine Beziehung, aber keine Fernbeziehung, konntest mir dies jedoch nicht so mitteilen. Ich hingegen fühlte mich unbesiegbar – ich wusste, dass alles möglich war mit ein wenig Organisation. Und ich war bereit für Dich, Fabrice, für uns.

Trotzdem beschlich mich mehr und mehr das Gefühl, dass Du Dich von mir entferntest. Du schriebst mir immer noch auf sehr liebevolle Art und Weise, doch irgendwie entglittest Du mir. Bis zu diesem schicksalhaften Sonntag im Juni.

Ich schickte Dir wie immer ein Bild aus meinem Alltag und dachte mir nichts. Ich war sicher, es würde so weitergehen wie bisher. Du antwortetest mir nicht. Ich schickte Dir noch ein Bild. Wieder keine Antwort. Abends schickte ich Dir dann eine Nachricht, fragte, ob alles gut sei bei Dir. Deine Antwort war knapp.

Cava et toi.

Deine Nachricht schien irgendwie anders, aber ich ignorierte meine Intuition und stellte Dir ein paar Fragen. Du sahst meine Antwort erst am nächsten Tag und schriebst mir nicht zurück. Langsam stieg Panik in mir auf. Es war Vollmond und so sehr ich diesen auch liebte, so launisch und gefühlsbetont war ich während dieser Zeit. Ich versuchte mich durch Meditation wieder etwas zu beruhigen, wieder zu mir zu finden. Die Ruhe tat mir gut und ich beschloss Dir am nächsten Tag wieder eine Nachricht zu schicken, Deine Stille zu ignorieren. Wieder ging es eine Ewigkeit bis Du die Nachricht gelesen hattest. Und wieder schwiegst Du mich an.

Nun hatte ich genug und schrieb Dir eine letzte, deutliche Nachricht.

Si tu ne veux plus rien à faire avec moi, s’il te plaît dis-moi.

Ich wusste, dass Du darauf reagieren würdest.

„Er wird Dir ja wohl nicht nie wieder schreiben“, meinte auch meine gute Freundin Zoë. Diese Worte sollten mich beruhigen, doch stattdessen lösten sie in mir eine noch nie zuvor erlebte Angst aus. Was, wenn Du Dich nicht mehr melden würdest? Was, wenn wir nie wieder voneinander hören sollten? Was, wenn…?

Du sahst meine Nachricht einen Tag später. Und danach sah ich weder Dein Profilbild noch sonst etwas von Dir. Es sah ganz so aus, als hättest Du mich blockiert.

Ungläubig sah ich mein Handy an. Nein, das konnte nicht sein, das war unmöglich Fabrice, Du warst so ein lieber Typ, wieso solltest Du dies tun? Es gab doch keinen Grund! Vielleicht war ja etwas mit Deinem Handy, vielleicht konntest Du mich nicht erreichen, vielleicht…

Was auch immer geschehen war, Deine Antwort blieb aus. Und daran sollte sich in nächster Zeit auch nichts ändern.